SIS.TM - DAS SELBST ALS NERD

 

von Paolo Bianchi   /  KUNSTFORUM Band 181, 2006

 

Wenn Jean Baudrillard vom «Lob der Singularität» spricht, stellt sich sogleich die Frage, was ist das nun eigentlich. Lässt sich die Singularität ins Leben übertragen oder führt sie vielmehr ein abstrakt bleibendes philosophisches Leben. Wenn der Begriff sich vom herkömmlichen des Subjekts abgrenzt, um neue Individuationsprozesse zu skizzieren - etwa im Sinne des Rhizoms sowie transversaler, nicht- hierarchischer Verbindungen - , so bietet sich der Blick in Weblogs als Anregung an, der Singularität womöglich auch in der Lebenspraxis zu begegnen. Der Schweizer Künstler SIS.TM bewegt sich als Globetrotter der Melancholie im Netz, um den Selbstoffenbarungen von Bloggern und Nerds nachzuforschen. Allesamt Singularitäten und zugleich Ströme im Zeichen einer Melancholie des Widerstands.

 

Im Vergleich zum Internet ist das Fernsehen mit seinen «Selbsterfahrungstrips» jenseits der Ekelschranke klar das Leitmedium einer sich infantilisierenden Gesellschaft. Wer im World-Wide-Web durch Weblogs surft, begegnet erschüttern- den Selbstbekenntnissen über die Abenteuer des Fleisches und des Wortes. Ob Abfall oder Wärme, ob biophil oder nekrophil, ob    Über-Ich oder Es, ob schamhaft oder schamlos, ob Selbst- mitleid oder Selbstbewusstsein – alles schimmert auf der Folie einer Parallel-Existenz. Alles scheint eins. Diese Widersprüchlichkeit müssen alle, die sich mit dem Internet befassen, aushalten können. Wer sich als Ahnungsloser reisend im Netz bewegt, wird eine Verschiebung in seiner Wahrnehmung von Wirklichkeit bemerken.      Im Internet lässt sich fortlaufend beobachten, wie das Gehäuse von Privatheit bröckelt. Mit dem Unberechenbaren ist zu rechnen. Fehl am Platz sind psychologische Vorurteile, welche die Nerds als «Schatten kultureller Muster» oder als «Summe von Trieben» abtun. Spannender ist, ihrem «Potenzial an Selfstyling» nachzuspüren, das in inszenierten Wirklichkeiten und stimulierenden Sexualisierungen ausgelebt wird.Vom Wunderkind zum Weblog-Künstler.

 

Der in Zürich lebende Schweizer Künstler SIS.TM sieht das Internet als Weltbühne, auf der sich der Feuchtbiotop-Umweltaktivist gleichberechtigt neben der Regierung der USA aufhält.

 

«Was mich beim Web besonders fesselt, ist die exhibitionistische Selbstdarstellung. Selbstäusserungen zwischen Spiritualität und Surrealität, zwischen Vereinsamung und Heroisierung, zwischen Selbsthass und Sadomasochismus stehen unterschiedslos nebeneinander.»

 

Webcam-Schnappschüsse, Party-Pics und andere digital inszenierte Porträts finden im Internet millionenfache Verbreitung. SIS.TM geht mit seinen Rauminstallationen, Fotografien und Videos diesem brandaktuellen gesellschaftlichen Phänomen auf den Grund.Das Weblog (ein Kunstwort aus «Web» und «Logbuch») besteht aus einer Mischung aus Kommentaren, Netzfunden und guten alten Tagebuch-Einträgen und dient in erster Linie der Unterhaltung oder der persönlichen Selbstdarstellung im Internet.

 

In einem typischen Weblog hält ein Autor (der Blogger oder auch – bei obsessiver Steigerung – der Nerd) seine «Surftour» durch das Internet fest. Die Gesamtheit aller Weblogs bildet die «Blogosphäre». Blogger verstehen sich in den USA als Korrektiv oder gar als Kommunikations-guerilla. Für politische Aktivisten bedeutet die Blogosphäre eine Revolution der Medienwelt wie einst der Buchdruck – nichts weniger als das Ende der Mainstream-Medien. Während sich die herkömmlichen Medien der Analyse und Faktentreue verschreiben, kann in der Blogosphäre jede/r drauflosschreiben, wie er oder sie will.

 

«Mein Thema ist nicht der politisch relevante Aspekt des Mediums Internet, sondern das Individuum, die Masse individualistischer Äusserungen, die ich als Basislager für meine Arbeiten nutze», bemerkt SIS.TM dazu.

 

Das Fundmaterial aus dem Internet wird künstlerisch verfremdet und übermalt, so dass Textfragmente aus Blog-Tagebüchern konfrontiert werden mit dem Panorama einer neuen Form von Narzissmus und Selbstdarstellung.

 

Der heute 41-jährige SIS.TM hat schon im Alter von sechzehn Jahren seine erste Einzelaus-stellung. Die zentralen Arbeiten dieser Zeit sind abstrakte, grossformatige und zumeist monochrome Gemälde. Man spricht von einem «Wunderkind». Während fünf Jahren ist SIS.TM Schüler, Assistent, Projektpartner und fotografischer Biograph von Jörg Immendorff. Er kommt jedoch zu der Einsicht, dass es im Schatten einer egomanen Künstlerpersönlichkeit wie Immendorff unmöglich ist, eine eigene künstlerische Identität herauszubilden. Zu erdrückend ist die Eitelkeit des Grossmeisters. Er steigt in die damals noch experimentelle Werbeszene ein und wird «Art Director» der Schweizer Werbeagentur GGK. Die steile Karriere in der Werbebrache führt jedoch weg vom kreativen Prozess hin zu Management-Aufgaben. Überdruss führt zum Ausstieg bzw. zum Einstieg als Produzent von Tonträgern, Konzerten und jungen Bands.

 

2002 kehrt der einstige Künstler zurück zu den Wurzeln, indem er das Pseudonym SIS.TM wählt und aus dem Nichts den Faden der Kunst weiterspinnt. Melancholie des Widerstands. Mit seiner Kunst verweist SIS.TM auf das Problem der Vereinsamung und der seelischen Störungen von Menschen in der angeblich so kommunikativen und offenen Welt des Internets. Auf Weblogs in den USA und in Skandinavien beobachtet SIS.TM eine «Kultur des Exhibitionismus», die ihn unseren Breitengraden (noch) nicht derart massiv anzutreffen ist. Interessanterweise hat er diese «Kultur des Exhibitionismus» nur im Bereich der Sexualität auf beiden Seiten des Atlantiks in gleichem Masse vorgefunden.

 

«Aus meiner subjektiv künstlerischen Sicht habe ich diese verschärften Äusserungen genutzt, um auf einen Zustand hinzuweisen, der unter der Oberfläche unserer hiesigen Gesellschaft gärt. Was ich zeige, ist die Spitze des Eisbergs.»

 

Dabei stellt sich SIS.TM Fragen wie: Warum hat die Schweiz die höchste Selbstmordrate unter jungen Menschen in Europa? Warum ist die Schweiz im Drogenkonsum ebenfalls auf Spitzenplätzen zu finden? Wie geht es den vielen Singles in Zürich? Alle bestens vernetzt, alle sind gut drauf, wie es ja in der üppigen Gastro-Szene der Stadt zu besichtigen ist – und danach?

 

«Die Heile-Welt-Fassade der Schweiz bekommen vor allem junge Menschen am eigenen Leib zu spüren: Protestantismus, Erfolgszwang, Anpassungsdruck und Repression. Meine künstlerische Methode besteht darin, hinter die Fassaden zu schauen und dort verdeckte gesellschaftliche Phänomene ans Licht zu holen.»

 

Als SIS.TM im Januar 2005 in einer Zürcher Ausstellung junge Menschen dokumentiert, in der Pose der lasziven Lolita oder des coolen Gangsters, beim Onanieren oder im chaotischen Teenagerzimmer, verkündet die Tagespresse sogar die «Geburtsstunde einer neuen Pop Art, die aus einer selbstständigen Volks- und Subkultur erwächst» (Sascha Renner, «Tages-Anzeiger», 29.1.05). Kulturpessimisten würden von einer zutiefst verunsicherten Generation sprechen und vom Kollaps der Selbstkontrolle angesichts der öffentlichen Preisgabe intimster Details. Sozialromantiker könnten hierin die Melancholie des Widerstands finden. Wer mit prekären Darstellungen von Befindlichkeit die Aufmerksamkeit der anderen sucht, versucht die Gleichgültigkeit des Universums erträglich zu gestalten – eine Ästhetik des Widerstands gegen das Erwachsenwerden.

 

Es ist der Versuch, bei Gott oder in so etwas wie Gemeinschaft anzukommen. SIS.TM bewegt sich als Globetrotter der Melancholie im Netz wie in einem Garten mit dichtem und weichem Moosteppich, auf dem Blogger und Nerds ihren Nährboden finden.Laut Science-Fiction-Autor Douglas Adams ist ein Nerd «jemand, der einen Computer benützt, um einen Computer zu benützen                   – und aus keinem anderen Grund». Der englische Begriff «Nerd» (Not emotionally responding dude) steht – meistens abwertend – für Fachidiot, Langweiler, Sonderling, Streber oder Schwachkopf. Ob jemand ein Nerd ist oder nicht, hängt meist vom Umfeld ab. Wenn Aussenstehende mit dem Zeigfinger jemanden als Nerd identifizieren, ist das natürlich negativ gemeint. Wenn jedoch Gleichgesinnte jemanden als Nerd bezeichnen, gilt das als Auszeichnung. Wer sich selbst Nerd nennt, stellt sich in ein positives Licht. Nerds legen übrigens keinen Wert auf die Meinung von Nicht-Nerds.

 

Von der Kunstwelt ins Klubambiente. Das Internet als Ort der Jetztzeit verweist im Andern aufs Eigene, gibt Auskunft, zollt Reverenz. Als Ort der Präsenz eines aufgesplitterten Subjekts weist es das Konzept des Individuums als «Kern», «Ich» und «Identität» zurück. Im Kontext postmoderner französischer Theorieansätze (etwa bei Gilles Deleuze und Félix Guattari) treten ortlose «Ströme», «Intensitäten» und «Netzwerke» an die Stelle der hierarchischen Anordnung von Subjekten. In der Netzwerkgesellschaft gewinnt die «Macht der Ströme», wie Manuel Castells pointiert festhält, «Vorrang gegenüber den Strömen   der Macht».In den Überlappungszonen der Wahrnehmungsströme und des versprengten Subjekts erscheint im Internet das Selbst als utopische Geste. Folgerichtig ist für SIS.TM die Frage nach der Biografie völlig unerheblich.

 

«Ich könnte jeden Tag eine neue Identität annehmen, mit dieser Identität dann in ein weiteres System oder Subsystem eines grösseren Systems einsteigen. Was ich bin, bin ich in meiner Arbeit. Meine Identität und damit auch meine Namensgebung folgt den Inhalten meiner Arbeit. In der Webwelt, aus der ich die Inhalte meiner Projekte beziehe, ist dieses Spiel mit den Identitäten schon lange aktuell.»

 

Die lautmalerische Nähe des Pseudonyms SIS.TM zum Wort System, aber auch zu «This Trademark» ist mit Absicht gewählt: «Die Kunstwelt ist heute letztlich nichts anderes als ein hochkommerzia-lisiertes Star-System. Die Wahl dieses Pseudonyms ironisiert diesen Umstand.» Die Anonymität erlaubt SIS.TM, in anderen Systemen (Kunstwelt, Netzwelt, Alltag) jede beliebige Identität anzunehmen.Mit seinen neuen Videoprojektionen zieht es SIS.TM in die Klubs, wo seine Loops zur elektronischen Tanzmusik von Live-DJs gezeigt werden. Mit Extrakten aus Video-Logs gestaltet er einen expressiven Video-Trip.

 

«Meine Kunst beschäftigt sich mit Phänomenen der Jugendkultur. Es ist somit nur konsequent, den elitären Rahmen der Galerieszene zu verlassen und dahin zu gehen, wo die diversen Aspekte der Jugendkultur stattfinden, wo die Protagonisten meiner Arbeiten zu finden sind. Es ist ein Experiment.»

 

Es ist nachvollziehbar, dass es SIS.TM ins Klubambiente zieht, in welchem es für die Klubkultur-Protagonisten wesentlich ist, Authentizität, Autorschaft und Aura in Frage zu stellen. Techno- und House-Künstler verstecken sich ganz bewusst hinter Pseudonymen und digitalen Benutzer-oberflächen statt inszeniert aufzutreten. Die zentralen Begriffe lauten: Abstraktion und Anonymität. Im Klub steht die Sound-Innovation im Zentrum und nicht die Künstlerpersönlich-keit.Die Techno-Kultur demokratisiert die Selbstdarstellung und überlässt die narzisstisch tanzenden Individuen sich selbst. SIS.TM programmiert mit seinen Videoloops ein neues visuelles Paradigma für den Wahrnehmungsraum der Klubgänger. Die Konzentration richtet sich, während die Klubgäste weitertanzen, nicht zentralperspektivisch auf einen Punkt, sondern rhizomatisch auf die verteilten Leinwände mit der hedonistischen Selbstfeier der Nerds.

 

Dass auch Weblogger aus der Anonymität des Netzes ins Rampenlicht der Kunstwelt treten können, belegt das Beispiel von Natacha Merrit (*1977), die mit der Digitalkamera, dieser Polaroid der Neunzigerjahre, Intimitäten in Informationsbits verwandelt. Beim Surfen im Netz wurde der Coolhunter und Fotograf Eric Kroll per Zufall auf Merritts Internet-Foto-Tagebuch aufmerksam (www.digitalgirly.com), das Aufnahmen jenseits bekannter Pin-Up- und Fetisch-Fotografie zeigt. Inzwischen werden sie vom Taschenverlag als „Digital Diaries“ verlegt und schmücken bereits die Covers von bürgerlichen Magazinen. Dieser Weg von der Anonymität ins Rampenlicht kann auch SIS.TM bevorstehen – als Debüt und Coming-out in die Öffentlichkeit.